7km – Feld der Wunder
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Wenn man daran denkt, dass aus den Münzen Morgen tausend oder zweitausend geworden sein könnten! Warum säst du sie nicht auf dem Feld der Wunder? Pinocchios Abenteuer | Carlo Collodi

Sieben Kilometer vor den Toren Odessas befindet sich der größte Marktplatz Europas. Ein ältester Teil des Marktes heißt ‚Feld der Wunder‘. Trefffender wäre es, den ganzen Markt ‚Feld der Wunder‘ zu nennen. Früher baute man hier Weizen an, außerdem befand sich hier die Müllverbrennungsanlage. Die Anfänge diesen Marktes gehen auf den Zweiten Weltkrieg zurück. 1989 wurde aus dem berühmtesten Trödelmarkt der Sowjetunion nach und nach Europas größtes Einkaufszentrum. Anfangs nur 4 Hektar groß umfasst er heute über 70 Hektar – Waren, so weit das Auge reicht. ‚7km‘ ist fast zehn Mal größer als das Centro in Oberhausen und fast doppelt so groß, wie die berühmte Mall of America im amerikanischen Bloomington. Die meisten Geschäfte hier sind weder Gebäude noch Kioske. Es sind unzählige Reihen aufeinander gestapelter Schiffscontainer, 16.000 an der Zahl. Oben werden die Waren gelagert, eine Etage tiefer wird verkauft. Die Geschäfte haben keine Namen, nur Nummer. Dazu kommen noch unzählige Zelte und Pavillons. De facto stellt der Markt ein verkleinertes Abbild von Odessa dar. Es ist auch ein Staat im Staate mit eigenen Gesetzen und Regeln. Die Containerstraßen sind sehr lang und zur besseren Orientierung farblich gekennzeichnet. Es gibt Weiße, Gelbe, Blaue, Hellblaue, Aprikose, Graue, Grüne, Rosa Straße, um nur einige zu nennen. Spielzeug und Schuhe, Töpfe und Kosmetik, CDs und Computer, Autos und Waschmaschinen, Stifte und Bettwäsche, Bücher, Besen und natürlich Klamotten, in allen Formen und Farben. Alles, was ein Mensch zum Leben brauchen kann, wird am ‚7km‘ angeboten. Fast alles ist auffällig billig, selbst für ukrainische Verhältnisse. Noch vor kurzem haben hier die Menschen versucht zu überleben, ohne überhaupt etwas zu haben. Die meisten Waren, die auf dem Markt angeboten werden, sind aus China, der Türkei und auch ‚Importe aus Odessa‘. Jedem Besucher des Marktes ist klar, dass unmöglich alles mit rechten Dingen zugehen kann, wenn Chanel No.5 Flaschen für 3 Dollar und Nike Turnschuhe für 25 Dollar verkauft werden. Es gibt Kontrollen, die Steuerpolizei kommt, aber bevor sie kommt, gibt es eine Warnung. Und alle machen ihre Läden zu.

‚7km‘ ist täglich außer freitags geöffnet. Mit 20.000 Verkäufern, über 1.500 Bediensteten und über 10.000 Trägern ist er einer der größten regionalen Arbeitgeber. Insgesamt arbeiten dort über 60.000 Menschen. Viele der Verkäufer haben in den 90er Jahren ihre staatlichen Jobs aufgegeben, da sie damit ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten konnten. Täglich kommen 200.000 Wiederverkäufer und Einzelkäufer aus der Ukraine, Russland, der Republik Moldau und sogar aus einigen europäischen Staaten hierher. Auch jede durchschnittliche Familie aus Odessa kommt mindestens einmal im Monat. Sie laden ihre Wagen voll bis unter das Dach. 60% der Ukrainer (ca.29 Millionen Menschen) kaufen ihre Bekleidung im ‚7km‘.

Der geschätzte Marktumsatz beträgt täglich über 20 Millionen amerikanische Dollar. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die ökonomische Hierarchie des ‚7km‘ : Ganz oben stehen die Besitzer des Marktes – Viktor Dobrjanskij und die anderen Aktionäre der Aktiengesellschaft. Sie vermieten Stellplätze für Container. Die Containerbesitzer betreiben entweder selbst ein Handelsunternehmen oder vermieten ihre Container weiter. Die Mietpreise für ein Container fangen bei 1.500 Dollar im Monat an und steigen bis zu 7.000 Dollar in der Rosa-Straße. Man kann auch für 200.000 Dollar einen Container kaufen. Die Leute, die in den Containern arbeiten, sind in den meisten Fällen so genannte Realisatoren: angestellte Verkäufer, die nach Umsatz entlohnt werden und nicht selten 70 oder 80 Stunden in der Woche arbeiten, Sommer wie Winter, Tag und Nacht. Soziale Absicherung, Tariflohn, Lohngarantien, Kündigungs- oder Gesundheitsschutz gibt es nicht. Dafür die Möglichkeit, durch brutal harte Arbeit viel zu verdienen. Sie verdienen etwa 500 – 700 Dollar monatlich – für ukrainische Verhältnisse ist es viel. Hier herrschen frühkapitalistische Zustände. Man passt sich an, oder man geht: Die Arbeitszeiten sind schwer. Man muss sehr früh aufstehen und bis zum Abend hier sitzen. Oder die ganze Nacht. Manchmal kommen die Leute um fünf oder sechs Uhr morgens und arbeiten bis drei. Dann gehen Sie schnell irgendwo einen Tee trinken und um fünf sind sie wieder hier und arbeiten bis ein, zwei, drei Uhr morgens. Nachts soll man doch schlafen und nicht arbeiten. Ähnliche Märkte, nur wesentlich kleiner, gibt es überall in der Ukraine und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, wo vor 70 Jahren die Unternehmerschicht ausgerottet wurde. ‚7km‘ spiegelt sozusagen eine Wirtschaftsordnung des Landes wider. Solche Märkte existieren neben sich rasch entwickelnden Supermärkten wie Metro. Diese ‚gleichzeitige Ungleichzeitigkeit‘ wird früher oder später dazu führen dass der ‚7km‘ verschwindet. Solche Märkte in Osteuropa haben in den ersten 3-5 Jahren nach dem Übergang zur Freien Marktwirtschaft aufgehört zu existieren. Das Schicksal des Marktes hängt von der Wirtschaft der Ukraine ab; sobald die sich normal entwickelt, ist die Notwendigkeit dieses Marktes nicht mehr gegeben.

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